Quelle: Foto Pixabay, CC0 Public Domain/Rasterlocke

Studie kritisiert Zutaten glutenfreier Lebensmittel

Anlässlich des 50. Kongresses der Europäischen Gesellschaft für pädiatrische Gastroenterologie, Hepatologie und Ernährung wurden am 11. Mai 2017 die Ergebnisse einer Studie vorgestellt, die sich mit den Inhaltsstoffen von glutenfreien Produkten und deren Auswirkung auf die gesundheitliche Entwicklung von Kindern beschäftigte.

Die federführenden Experten dieser Studie waren Dr. Joaquim Calvo Lerma und Dr. Sandra Martínez-Barona. Beide sind Mitglieder der Forschungsgruppe für Zöliakie und Verdauungs-Immunopathologie am Instituto de Investigación Sanitaria La Fe in Valencia, Spanien, und stellten ihre Studienergebnisse auf dem Kongress in Prag vor.

Sie kamen zu dem Schluss, dass glutenfreie Produkte nicht als ausreichender Ersatz für ihre glutenhaltigen Vorbilder angesehen werden können, weshalb sie Rezepturänderungen fordern, um eine gesunde Ernährung von Kindern zu gewährleisten.

Die Ergebnisse der Studie zeigten laut den Forschern, dass glutenfreie Lebensmittel einen deutlich höheren Energiegehalt und eine andere Nährstoffzusammensetzung als ihre glutenhaltigen Pendants haben. Viele der glutenhaltigen Produkte - vor allem Brot, Pasta, Pizzas und Mehle - enthielten bis zu dreimal mehr Protein als ihre glutenfreien Substitute.
Die Ungleichgewichte, die in der Studie hervorgehoben wurden, könnten das Wachstum der Kinder beeinflussen und das Risiko der Fettleibigkeit bei Kindern erhöhen.

Die Studie untersuchte 654 glutenfreie Produkte, die mit 655 glutenhaltigen Produkten verglichen wurden. Die wichtigsten Erkenntnisse daraus sind:

  • Glutenfreie Brote hatten einen deutlich höheren Gehalt an Lipiden und gesättigten Fettsäuren
  • Glutenfreie Nudeln hatten einen signifikant niedrigeren Gehalt an Zucker und Protein
  • Glutenfreie Kekse hatten einen deutlich geringeren Proteingehalt und einen deutlich höheren Gehalt an Lipiden

Lipide

Lipide werden im allgemeinen Sprachgebrauch oftmals einfach mit „Fett“ übersetzt.
Fette (Triglyceride) sind jedoch nur eine Untergruppe der Lipide, von denen es insgesamt 7 Gruppen gibt: Fettsäuren, Triacylglyceride (Fette und fette Öle), Wachse, Phospholipide, Sphingolipide, Lipopolysaccharide und Isoprenoide (Steroide, Carotinoide etc.).

Proteine

Proteine werden umgangssprachlich als „Eiweiß“ bezeichnet.
Proteine sind nicht nur Nahrungsbestandteil, sondern kommen auch in unserem Körper vor und sind neben Wasser und Fett der wichtigste Bestandteil davon. Mittels Aminosäuren steuern sie sämtliche Prozesse unseres Körpers und haben derzeit auch den Ruf eines Schlankmachers.

Die EU-Abgeordnete Daciana Sarbu MEP, zweite Vorsitzende des Ausschusses für Umweltfragen, Volksgesundheit und Lebensmittelsicherheit, sprach sich im Rahmen des Kongresses ebenfalls erneut für eine Ampel-Kennzeichnung aus. Allerdings ist es generell so, dass unverpackte Lebensmittel noch nicht einmal die Zutatenangaben enthalten müssen, wie verpackte Nahrungsmittel – völlig unabhängig davon, ob sie glutenhaltig oder glutenfrei sind.
Die starke Vereinfachung der Ampelkennzeichnung hat auch Kritiker. Für den deutlich niedrigeren Zuckergehalt wäre dann beispielsweise auch ein grüner Punkt die logische Folge.

The European Society for Paediatric Gastroenterology Hepatology and Nutrition (ESPGHAN)

Nach eigener Darstellung handelt es sich bei der ESPGHAN um eine multifunktionale Organisation, deren Ziel es ist, die Gesundheit von Kindern mit besonderem Augenmerk auf den Magen-Darm-Trakt, den Leber- und Ernährungsstatus zu fördern. Dies soll durch die Schaffung von Wissen, die Verbreitung von wissenschaftlich fundierten Informationen, die Förderung bewährter Praktiken bei der Bereitstellung von Pflege und von qualitativ hochwertiger Ausbildung für pädiatrische Gastroenterologie, Hepatologie und Ernährungs-Profis in Europa und darüber hinaus erreicht werden. Gegründet wurde diese Organisation im Jahre 2012 in Genf. Die Webseite wird von der Organisation selbst betrieben, das ESPGHAN-Sekretariat ist an einen Dienstleister, die Wiener Medizinische Akademie in Österreich, vergeben. Der ESPGHAN Annual Congress wird ebenfalls extern organisiert und zwar von der Eurokongress GmbH in München.

Pressemitteilung zu den Studienergebnissen vom 11. Mai 2017 (engl. Fassung)

Was bedeutet dies jetzt in der Praxis?

Um welche glutenfreien bzw. glutenhaltigen Produkte es sich genau handelte, die im Rahmen dieser Studie untersucht wurden, geht aus den Veröffentlichungen leider nicht hervor.

Lipide- und Proteingehalte sind für den Verbraucher auf der Zutatenliste in dieser Form – wie im Labor analysierbar – nicht erkennbar. Allerdings lassen sich Fett-, Zucker- und Eiweißwerte vergleichen.

Um die Studienergebnisse nicht so abstrakt im Raum stehen zu lassen, haben wir uns einmal drei verschiedene, in Deutschland erhältliche Spaghetti-Produkte angesehen und diese verglichen, da diese gerade bei Kindern meist sehr beliebt sind.

Unser Spaghetti-Vergleich glutenhaltig / glutenfrei

ESPGHAN Studie little
Foto: K. Kallweit, foodnav.de

Nährwerte
pro 100 g

Barilla Spaghetti n.5
glutenhaltig

Barilla Spaghetti n.5
SENZA GLUTINE
glutenfrei

Schär Spaghetti n.5
SENZA GLUTINE

glutenfrei

Energie kJ/kcal

1521 / 359

1524 /359

1539 /363

Fett g

2,0

1,8

1,5

davon gesättigte Fettsäuren g

0,5

0,3

0,4

Kohlenhydrate g

70,9

78,7

78,0

davon Zucker g

3,5

1,2

4,4

Ballaststoffe g

3,0

1,1

2,0

Eiweiß g

12,8

6,5

8,3

Salz g

0,013

0,003

0,28

Kalorientechnisch sind die Unterschiede der drei Sorten Spaghetti so gut wie identisch. Kohlenhydrate enthalten die glutenfreien Sorten ein wenig mehr.
Was das Fett anbelangt, ist sowohl die Gesamtmenge, als auch die gesättigten Fettsäuren bei den glutenhaltigen Spaghetti am höchsten.
Beim Zucker- und Salzgehalt liefern die beiden glutenfreien Produkte sehr unterschiedliche Ergebnisse. Die glutenfreien Schär-Spaghetti haben von beidem deutlich am meisten. Die glutenfreien Barilla-Nudeln hingegen enthalten sowohl deutlich weniger Zucker, als auch deutlich weniger Salz als das glutenhaltige Original. Bleibt noch der Blick auf den Eiweißgehalt, der unter anderem beim Muskelaufbau (nicht nur von Kindern) eine wichtige Rolle spielt.

Die DGE (Deutsche Gesellschaft für Ernährung e.V.) empfiehlt folgende Eiweißmengen pro Tag (für „Nicht-Sportler“):

  • Kinder 1 bis unter 4 Jahren:          1,0 g/kg Körpergewicht am Tag bzw. 13/14 g am Tag.
  • Kinder von 4 bis unter 15 Jahren: 0,9 g/kg Körpergewicht am Tag bzw. 18/50 g am Tag
    – je nach Alter und Geschlecht.

(Die nach den einzelnen Altersstufen und Geschlecht aufgeschlüsselten Werte finden sich unter dem vorgenannten Link).

Was die Portionsgrößen von Nudeln angeht, werden diese von den Herstellern oft mit ca. 85 Gramm angegeben (das ergibt niedrigere Werte bei den einzelnen Inhaltsstoffen). In der Praxis ist es meist eher so, dass eine 500 Gramm-Packung für 4 Personen zubereitet wird. Was einer Portionsgröße von 100 bis 125 Gramm entspricht. Nimmt man einmal an, dass beide Eltern ggfs. eine etwas größere Portion wie die beiden Kinder essen. Bei der Berechnung der Portionsgröße muss man allerdings auch noch beachten, dass eine Packung der glutenfreien Barilla-Spaghetti nur 400 Gramm enthält, während es bei den glutenfreien Schär-Spaghetti die bislang üblichen 500 Gramm sind.

Insofern erscheinen auch die tatsächlich deutlich niedrigeren Eiweißmengen trotzdem nicht wirklich wenig, da es sich nur um eine einzelne Zutat einer – von in der Regel – 3 täglichen Mahlzeiten handelt.
Die bei Kindern sehr beliebten Spaghetti Bolognese beinhalten ebenfalls noch zusätzliches Eiweiß. So bringen 100 Gramm relativ mageren Rinder-Hackfleischs etwa 24 Gramm Eiweiß pro 100 Gramm mit. Parmesan gilt übrigens auch als eine sehr gute Eiweißquelle, wobei hier die Angaben meist zwischen 36 bis 38 Gramm Eiweiß pro 100 Gramm schwanken.

Neben dem Gewicht, dem Geschlecht und dem Alter spielen aber auch noch andere Faktoren eine wichtige Rolle, wenn es um den persönlich richtigen Eiweißanteil in der Nahrung geht. Beispielweise erhöht sich dieser, wenn man Sport treibt und nochmals deutlich, wenn es sich dabei um intensive Kraft- oder Ausdauersportarten handelt, bei denen entsprechender Muskelaufbau eine Rolle spielt.

Empfehlungen für gute Eiweißquellen

Generell sind Fleisch, Fisch, Milchprodukte und Eier gute Eiweiß-Lieferanten. Allerdings zählen auch Sojaprodukte und einige Hülsenfrüchte dazu. Welche die besten sind, darüber gibt es – natürlich – unterschiedliche Auffassungen. Dazu nur ein paar Beispiele:

Fazit:

Verbraucher, die unter Zöliakie leiden, haben leider nicht die Wahl, sich für glutenhaltige und proteinhaltigere Nahrungsmittel zu entscheiden. Sie können nur auf glutenfreie Produkte ausweichen. Deshalb sind diese Studienergebnisse für Eltern eine wichtige Information, die Aufmerksamkeit verdient.

Gerade für Kinder stellt eine glutenfreie Ernährung eine erhebliche Einschränkung und eine sehr schwierige Umstellung dar, so dass es schlicht und einfach unmöglich sein wird, dann auch noch auf glutenfreie Produkte wie Nudeln, Pizza und Brot zu verzichten. Glutenfreie Nudeln beispielsweise werden meist aus einer Mischung aus Mais- und Reismehl hergestellt, wobei die Studie dieser Produktgruppe sogar einen deutlich geringeren Zuckergehalt attestiert hat.

Insofern ist es sicherlich ein guter Ansatz, auf diese unterschiedliche Zusammensetzung hinzuweisen und hier ein Umdenken bei den Herstellern einzufordern. Auch würde eine spezielle Kennzeichnung auf glutenfreien Produkten, deren Nährwerte sich von denen der glutenhaltigen signifikant unterscheiden, sicherlich eine gute Orientierungshilfe bieten und dies könnte durchaus dazu beitragen, dass sich Konsumenten besser informiert fühlen und gesünder ernähren könnten.

Andererseits müssen glutenfreie Produkte auch schmecken, sonst helfen sie den Betroffenen nicht wirklich. Im Falle der vorerwähnten Spaghetti ist dies absolut gelungen. Andere Zutaten ergeben aber auch ganz automatisch andere Nährstoffkombinationen. Rezepturen zu ändern, ist nicht so einfach, wie sich dies anhört, denn neben dem Geschmack muss auch die Konsistenz eines Lebensmittels den Vorstellungen des künftigen Verbrauchers entsprechen und dies erfordert oftmals eine eher lange Produktentwicklungszeit. Deshalb dürfte es vermutlich schwierig sein, hier eine eiweißreichere Version innerhalb kürzester Zeit auf den Markt zu bringen, die immer noch schmeckt und einigermaßen kostengünstig zu produzieren und damit auch zu kaufen ist.

Was den Eiweißbedarf von Kindern im Wachstum angeht, zeigt das obige Beispiel mit den Nudeln jedoch auch, dass je nach dem, womit diese kombiniert werden, oftmals diese eine der drei Mahlzeiten schon ausreicht, um den Mengenempfehlungen der DGE gerecht zu werden. Insgesamt gesehen einen genaueren Blick auf die Eiweißmenge im Speiseplan zu behalten, kann trotzdem sicherlich nichts schaden.

Was macht dick?

Bei der Einschätzung, welche Inhaltsstoffe unserer Nahrungsmittel eine Fettleibigkeit begünstigen, gibt es verschiedene „Schuldige“.

Kohlenhydrate inkl. Zucker

So setzen Verbraucher teilweise darauf Kohlenhydrate und damit auch Zucker zu reduzieren. Im Beispiel der Nudeln ist im Bezug auf die Kohlenhydrate der Unterschied zu den glutenhaltigen Nudeln relativ unbedeutend – wobei die beiden glutenfreien Produkte fast gleich abschneiden. Was die Zuckermenge angeht, kommt es auf das gewählte Produkt an, denn hier ist entweder deutlich weniger oder doch um einiges mehr enthalten. Eindeutiger Sieger sind die glutenfreien Barilla-Nudeln, die auch deutlich weniger Zucker aufweisen, wie das glutenhaltige Barilla-Produkt.

Fette

Auch der Fettgehalt von Lebensmitteln wird immer wieder als Grund für ein erhöhtes Gewicht genannt. Davon enthalten allerdings die glutenhaltigen Spaghetti am meisten. Hier zeigen die Schär Spaghetti den niedrigsten Wert.

Eiweiß

Neben der muskelaufbauenden und damit auch wachstumsfördernden Wirkung von Eiweiß setzen andere Wissenschaftler und Verbraucher auch deshalb auf einen höheren Eiweißanteil in Lebensmitteln, um einer Gewichtszunahme entgegenzuwirken. Da eine höhere Muskelmasse bekanntlich auch die Fettverbrennung fördert. Von diesem Gesichtspunkt aus betrachtet, haben beide glutenfreien Nudeln einen deutlichen Nachteil gegenüber den glutenhaltigen Spaghetti, wobei das Schär-Produkt hier einen Vorteil gegenüber den glutenfreien Barilla-Nudeln hat.

Wie man an diesem Beispiel schön sieht, würde man je nach persönlicher Sichtweise also entweder die glutenfreien Barilla-Nudeln oder die glutenfreien Schär-Nudeln wählen, da die glutenhaltigen wegen Unverträglichkeit sowieso nicht zur Verfügung stehen. Wie gut, dass der Kunde inzwischen die Möglichkeit hat, aus der immer größer werdenden Vielfalt unterschiedlicher, glutenfreier Nahrungsmittelalternativen zu wählen. Welche künftig ja vielleicht auch mehr Eiweiß enthalten könnten, falls die Produzenten einen gangbaren Weg finden, diese Forderung umzusetzen.

Auswirkung für Mischkostler

Bei der großen Vielfalt an eiweißreichen Ergänzungen in westlichen Supermärkten dürfte es relativ einfach sein, hier auch ohne große Umstellungen im Speiseplan für eine ausreichende Eiweißversorgung für im Wachstum befindliche Kinder zu finden. Das kann in anderen Ländern jedoch durchaus ganz anders sein.

Auswirkung für Vegetarier/Veganer/ Mehrfach-Allergiker

Deutlich schwieriger und damit auch wichtiger ist diese Information jedoch für Eltern, die ihre Kinder nicht nur glutenfrei ernähren müssen, sondern zudem vielleicht auch noch auf eine vegetarische oder vegane Ernährungsform setzen. Denn das meiste andere Eiweiß stammt in der Regel aus tierischen Produkten. Dies gilt erst recht dann, wenn auch noch Soja vom Speiseplan gestrichen werden soll oder aus Unverträglichkeitsgründen heraus gestrichen werden muss. Siehe dazu auch die obigen Links für besonders eiweißreiche Nahrungsmittel.

Wie viel Einfluss diese neuesten, international angelegten Studienergebnisse auf den Tellerinhalt unserer Kinder haben, sprich wie wichtig diese Information ist, hängt also entscheidend von den persönlichen Lebensumständen ab, die sich nicht nur auf den Wohnort, sondern auch auf die sonstigen Ernährungsgewohnheiten beziehen.

Andererseits haben auch allergiefreie Kinder unter Umständen eine Neigung zur Fettleibigkeit, wenn sie zuviel an glutenhaltigem Brot, Pasta, Pizzas und Mehle verzehren. Weshalb man sicherlich auch der Meinung sein kann, dass es unter Umständen eine gute Lösung ist, generell weniger mehlhaltige Produkte (egal ob aus glutenhaltigem Weizen oder aus glutenfreien Mais- oder Reismehlen) in den täglichen Speiseplan einzubauen.

Verwandte Beiträge:

Kommentar verfassen

Anhänge

0
  • Keine Kommentare gefunden

Verwandte Beiträge

Leckereien zu Ostern

Zu Feiertagen bieten nicht nur die üblichen Süßigkeiten-Produzenten Schokalade und Co. in passender Form an, auch die Spezial-Hersteller haben zu Ostern und Weihnachten passende Produkte für Personen mit Nahrungsmittelintoleranzen im Programm.

Weiterlesen...

Gluten- und kaseinfreie Ernährung bei Autismus?

Neben erblich bedingten Formen von Autismus (Entwicklungsstörung bei Kindern) scheinen neuere Forschungsergebnisse zu bestätigen, dass Autismus vor allem durch das Umfeld ausgelöst wird, wobei Kinder auf eine oft ungesunde und belastende Lebensführung in der modernen Gesellschaft zu reagieren scheinen.

Weiterlesen...

Rinatura Bio-Teigwaren

Hinter diesem Markennamen verbirgt sich eine Firmenphilosophie, die auf nachhaltig ökologisch produzierte Zutaten setzt, welche frei von Farb- und Konservierungsstoffen sowie synthetischen Aromen sind.

Weiterlesen...